Tacheles vs. c/o berlin or: shifting times, the displacement of art spaces

Tacheles vs. c/o berlin or: shifting times, the displacement of art spaces

Zwei Institutionen in der oranienburger strasse in berlin sind bedroht:
das tacheles und das c/o berlin. Das c/o berlin, ein Ausstellungsort für innovative Fotografie, den es seit 10 jahren im gebäude des Postfuhramt gibt, schreibt auf seiner homepage:

“C/O Berlin muss das Postfuhramt verlassen. Dies ist das Ergebnis des bevorstehenden Verkaufs der Immobilie an eine ausländische Investorengruppe. Nach langen Verhandlungen ist es uns geglückt, das Postfuhramt noch bis Ende März 2011 zu nutzen. Dieses imposante Gebäude in Berlins Mitte ist in vielerlei Hinsicht ein idealer Ort für C/O Berlin. Wo C/O Berlin danach ausstellen wird, ist offen. Wir bedauern daher den Auszug sehr”

Dahingegen schreibt das Tacheles auf seiner Homepage:

“Die kreative Mitte Berlins muss erhalten bleiben, das Tacheles ist mit seinem hohen Besucheraufkommen auch wirtschaftlich ein Eckpfeiler des Bezirks. Für die “Stadt der Kunst” – Berlin, sind die selbstverwalteten 30 Ateliers und Galerie- bzw. Theaterräume unverzichtbarer Ort der Produktion und Präsentation von zeitgenössischer Kunst.
Wir fordern: Das kleine Grundstück des Kunsthauses (nur ca. 1250m2 von über 23 000m2 Gesamtfläche) mittels Erbpacht in eine öffentliche Stiftung überführen – Tacheles sichern.
Unsere Stadt jetzt – Tacheles Reset”

Darüberhinaus sind Aktionen bis hin zum Hungerstreik, sollte es keinen neuen Vertrag geben, in den letzten wochen von Seiten des tacheles angekündigt worden und durch die Presse gegangen.

Ich denke: die Oranienburger Strasse samt Umgebung des Hackeschen Markts ist schon seit jahren nur noch ein Konsumumschlagplatz für Touristen. Die kreative Kunstszene ist längst – oft zwangsweise – weitergewandert, weil die Mieten zu hoch waren.

Die letzten alternativen Orte in Berlin Mitte : schokoladen mitte, das Zosch oder das Haus Schwarzenberg kämpfen seit Jahren permanent ums Überleben.

Wenn aber diese “wilden Orte der kunst” fehlen, was macht die Gegend also noch interessant für
Touristen ? und was soll der Reiseleiter dann erzählen, wenn das Tacheles keine “Ruine” mehr ist, sondern ein tolles Hotel für easy – jet – set weekender? “Here was formerly the famous ruin called tacheles…??”

Also braucht nicht die Kunst das Tacheles (da gibt längst andere, interessantere Orte, zumal sich die Künstler und Projekte eher durch kleinliche Streits untereinander als durch interessante Ideen in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht haben) sondern die neue Bourgeoisie braucht das noch existierende Symbol des Tacheles, um das Gefühl zu haben, immer noch an einem wilden Ort der Kunst zu leben –

Konsequent wäre also:

Nehmt es ihnen weg, das Symbol!! und lasst sie alleine in ihren dicken indischen Restaurants sitzen, von denen die Oranienburger Strasse gesäumt ist oder mit ihren S.U.V.´s die Fredrichstrasse entlangfahren, auf der Suche nach der Kunstszene.

So burn down Tacheles!! Dann kann woanders Neues entstehen….


//

Mit dem c/o berlin ist es anders, sogar fast gegensätzlich….

Hier starteten die Kuratoren im kleinen Team vor 10 Jahren im Postfuhramt und holten große künstler wie Nan Goldin, Annie Leibovitz oder bekannte Magnum Fotografen an diesen Ort. Es gab thematische Ausstellungen wie z.B. im letzten Jahr: “the places we live” über Plätze, an denen sich Menschen niederlassen – oft zwangsläufig in Wellblechhütten, unter Bahnhöfen in Favelas etc.

Die Ausstellungsflächen waren mit Aufstelltafeln auf denen Fotos und Videos über das Leben einer bestimmten Familie in einer Grosstadt genau so angeordnet waren, dass man das Gefühl hatte, als ob man ein extrem kleines Hauschen von 8m² eintritt. Sobald ein anderer Besucher den Raum betrat, war er direkt in der Projektion des Films und Teil der Ausstellung. Man spürte die Beklemmungen, wenn mehr als 3 Leute im Raum waren und konnte sich bildlich vorstellen wie es ist, wenn man an wirklich ungeschützten Orten leben muss – beispielsweiseweise auf einer Parkbank, auf denen auch schon Kinder zur welt kamen. Eine grandiose Ausstellung, prämiert von der UNO wegen ihres pädagogischen und interaktiven Konzepts.

Sie passte zudem perfekt in das alte Ambiente des Postfuhramts, ähnlich wie Nan Goldins stills über die Balladen der sexuellen Abhängigkeit.

Das c/o berlin war sowohl für alternative Kunst offen wie für “bürgerliche” Fotografen und deren Anhänger. Die Preise waren moderat, die Zuschauerzahlen gut, teilweise überwältigend. Der Oberbürgermeister Berlins ist Schirmherr der derzeitigen ausstellung von magmum Fotografen: shifting media – new role of photographie (www.co-berlin.info)

Aber auch er konnte die Kündigung durch die Investorengruppe nicht verhindern.

Es ist ein trauriges Symbol, der Zwangsumzug des c/o berlins und meiner Ansicht nach ein
dramatischerer Verlust als ein mögliches Fehlen des Tacheles,
welches nur noch ein leeres Symbol ist.

“shifting times, the displacement of art spaces in reunited berlin” könnte die letzte
ausstellung des c/o Berlin heissen.

Advertisements
This entry was posted in gentrification diaries. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s