Dialektik des kommenden Aufstands

Der Text “der kommende Aufstand ” des Unsichtbaren Komitees erschien 2007 im Zuge der Novemberausschreitungen 2005 in Frankreich unter dem titel: “l´insurrection, qui vient”, ist jetzt übersetzt, gedruckt bei edition nautilus erschienen oder hier zu lesen:

http://linksunten.indymedia.org/de/system/files/data/2010/07/1036189496.pdf

Es wird derzeit heftigst debattiert, ob es ein antimodernes, reaktionäres Manifest, eine linke maoisische Anleitung zum revolutionären Kampf, “pubertärer Spätsozialismus”
( Kommentar der Süddeutschen Zeitung) oder das kommende antikapitalistische Manifest darstellt.

Ich möchte nicht zu sehr in die Diskussion einsteigen (lest es einfach selbst durch, es sind nur netto 90 Seiten) einige Worte aber schon darüber verlieren, da es seit lange wieder ein Text ist, der mich gefesselt hat.

In den ersten Hälfte ist ein meine Ansicht nach eine brillant geschiebene knappe kulturkritische Analyse der post -/ spät- / neo- kapitalistischen Gesellschaft, die alles bestehende – eben auch reformistische Ansätze wie die von attac und co. – radikal dekonstruiert.

Das alles in einer poetischen, den französischen Situationisten der 50er entlehnten Sprache und fern von houellebequeschem Zynismus.

Im zweiten Teil – der konkreten Massnahmen und Ziele des kommenden Aufstands – verliert sich der Text etwas in naiver Landleben-in-einer-Kommune Romantik und ist auch in seinen Schlussfolgerungen hier weniger konsequent als in der Analyse, wenn er z.B. einige Beispiele für eine gelungene Aushöhlung des Systems – so durch Schwarzarbeit neben und zusätzlich zum Empfang des RMI (franz.Sozialhilfe) – empfiehlt, vorher jedoch eigentlich das ganze System infrage stellt, das nun doch wieder gebraucht wird, um Überleben zu können.

Ob nun diese Kulturkritik an Carl Schmitt und anderer rechter Konsorten oder eher an Adornos kritische Theorie und Peter Weiss´”Ästethik des Widerstands” erinnert, ist meiner Absicht schlicht die falsche Frage bzw. der untaugliche Versuch, etwas in die Schublade “rechts” oder “links” einzuordnen, da alles, was nicht in das herrschende System passt, zwangsläufig links- oder rechtsextrem sein muss, ansonsten man ja über Inhalte und Konsequenzen reflektieren müsste.

Im übrigen ist eine Antwort, weshalb der Text von konservativer Seite (u.a. FAZ) so poistiv rezipiert wurde, auch im Text selbst zu finden: Darin äussern die Autoren, dass die größte Gefahr, die den Aufständischen in der Revolte entgegnen könnte, nicht nur im Widerstand des Systems (z.B. in der Polizeirepression) zu finden sei, sondern in der “Umarmung”, der Einbindung durch die Gegner. Wenn du den Feind nicht besiegen kannst, küß ihn.

Davon können manche NGO´s ein Lied singen: Werden sie zu mächtig, werden sie zu Entscheidungen herangezogen und ihre Energie verpufft im parlamentarischen System oder in unbedeutenden Gremien.

Es ist eine Flugschrift, eine Streitschrift, so betitelte der Naultilus Verlag sein Ausgabe, nicht mehr und nicht weniger.

Und einen solchen mutigen, spannenden, brillant verfassten kapitalismuskritischen Diskussionsstoff hat es seit “Empire” von Negri/Hardt nicht mehr gegeben.

Im Übrigen kann der Text auch einfach als Fiktion betrachtet werden über den Menschen in der Revolte (Camus). Ob er im Prozess der Umwältzung reagiert, reformiert, revoltiert oder aktiv wirklich neue Gesellschaftsformen schafft oder diese zumindest anstrebt, diese Einschätzung liegt letztlich im Auge des Betrachters und in der Dialektik des Widerstands begründet.

edition nautilus, flugschrift
Der kommende Aufstand, 128 S, 9,80 €,
Deutsch von Elmar Schmeda,
2010

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