Schwarzbuch Berlin Folge 1 : Die Geschichtsvergessenheit or I miss my suburbs

Heute morgen sah ich dieses schöne Graffiti (by el bocho) mit dem Titel: “I miss my suburbs” frisch gesprüht direkt neben meinem Haus. Ich dachte: ja das ist es, ich vermisse mein Viertel und meine Lieblingsplätze – wie sie waren, genau hier.

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Ich beobachte meine Hündin heute bei 30 Grad Temperatur im Schatten. Sie sucht nach Wasser im Rinnstein an einer Stelle, als zu Fussball – WM – Zeiten vor der Al – Hamra – Bar mal ein Wasserschlauch lag und sie sich im Wasser kühlen und trinken konnte. Das war vor über einem Jahr aber sie will immer noch dorthin. Weil sie weiß: an diesem Ort war etwas Gutes für mich.

Auch will sie immer noch zu einem Platz an der Kollwitzstrasse, an dem vor Jahren mal ein verwilderter Garten war, in dem sie spielen konnte, der aber längst einem Neubau gewichen ist. Sie steht da vor den Häusern und versteht die Hundewelt nicht mehr.

Ich fühle mich dann oft ähnlich, wenn ich die Straßen hier in der Gegend umherlaufe, überall in der kurzen Geschichte, in der ich hier wohne, war etwas Schönes für mich: Kneipen, Cafes, Plätze, Läden, Freunde, Nachbarn, Konzerte, Erinnerungen und fast alles ist jetzt verschwunden – ersatzlos, ohne dass etwas schönes Neues hinzugekommen ist, das das Vakuum wieder füllt.

Es ist, als ob plötzlich alle Spielplätze auf einmal geschlossen haben. Das Gefühl: Es gibt keinen Platz mehr für dich hier. Und das ist zwar eines der typischen Merkmale der Gentrifizierung oder der Verdrängung – aber ich glaube, dass hier auch das Element der Geschichtslosigkeit eine wichtige Rolle spielt.

Genauso unsensibel wie Berlin oft schon mit Plätzen und Orten ihrer unglaublich reichen Geschichte umging – Abriss von Denkmälern nach der Wende, – siehe den Palast der Republik, Umbennennung von Plätzen und Strassen unter “Kommunistenverdacht”, die unfertige Ausstellung des Topographie des Terrors, der Umgang mit den Mauerresten et cetera – gehen viele Stadtplaner, Neuberliner oder auch Touristen mit der Berliner Geschichte um, der Geschichte der Bezirke, ihrer Kieze, ihrer Bewohner.

Von jedem Migranten und jedem Flüchtling verlangt man, dass er sich in die Gesellschaft integriert, die Kultur des Ortes respektiert und sich anpasst. Polemisch: Warum passen sich meine Yuppie – Nachbarn eigentlich nicht an die Geschichte des Ortes an? Weil mit Geld keine Integration mehr notwendig ist? – “die Mieten sind bezahlbar hier, denn ich kann sie ja bezahlen”, R.Grebe, Prenzlauer Berg Lied. Aber um nicht Feindbilder zu kreieren: Warum achten auch die Stadtplanung oder das Quartiersmanagement nicht auf solche Entwicklungen der Gentrifizierung?

Ich denke, dass es einfach respektvoll wäre, zu fragen, in welche Gegend ich ziehe, zu fragen, welche Geschichte die Bewohner dort haben – egal ob Ost und West – und mich mit meinen Ansprüchen an Wohnraum, Statussysmbolen, Ansprüchen etc. danach zu richten. Stattdessen passt sich das Kiez (die langjährig hier lebenden Bewohner, die Mieten, die Preise, die Geschäftsstruktur) an die mitgebrachten Regeln des Kapitals an.

Es gibt in der Kastanienallee Hinterhöfe mit Ställen für Milchkühe, in denen vor noch 25 Jahren Kühe gehalten wurden. Das alles nachzusehen in tollen Dokumetationen über den Prenzlauer Berg vor und nach der Wende.Es gab eine lebendige osttdeutsche Protest- und Literatenszene hier etc. Es scheint niemand mehr zu interessieren, das die Kreativität längst keinen Platz mehr hier findet in dieser Enge. Letztens sah ich in der Schönhauser Allee einen schönen Flyer, handgeschrieben, darauf: “missed here: creativity”

Warum ist scheinbar das einzige Limit nur das des Kapitals?

Es ist traurig, immerhin: Letztens gab zum ersten Mal Proteste gegen die Vorstellung des mietobergrenzenfreien Mietspiegels. Gut – aber zu spät, befürchte ich für diesen Stadtteil. Es sind zu viele Fakten geschaffen worden. Pass dich an die Gegebenheiten an oder “geh doch nach drüben”. (früher hieß das nach “Osten” heute wohl wieder nach Kreuzberg oder Neukölln)

Aber es sind nicht nur die Mieten oder die Veränderung der Bevölkerrungsstruktur.
Gerade auch im subkulturellen Musik- und DJ Milieu, in dem Berlin in den 90er Jahren Maßstäbe gesetzt hat, mit Festivals, illegalen und legalen Parties kreative Impulse gesetzt hat und den Weg bereitet hat für viele, die sich nun in das “gemachte Nest” setzen und nun nachziehen für das Berlin, das jetzt in der Welt so beliebt ist.

Für die Leute, die das möglich gemacht haben, gibt es aktuell aber wenig Unterstützung: Djs sind chronisch unter- oder gar nicht bezahlt, egal wie gut sie sind, Veranstalter kleinerer Reihen können kaum noch überleben, wichtig ist derzeit oft nur die Party, das Geld und der “angry fix”, die reine Oberfläche, inhaltslos, nur das Jetzt und Hier zählt. (Das gilt auch für den Müll, so seltsam das klingt. Gerade Touristen ist oft leider völlig egal, ob nach einer Party im Park jemand den Abfall entsorgen soll, sie sind ja dann wieder Zuhause.

Dass Berlin spätestens seit den 70er Jahren eine Welt voller lebendiger innovativer Subkultur war – und teilweise in einigen Orten noch immer ist – diese Geschichte und die Entstehung dieser Szene scheint immer weniger Leute zu interessieren, erzählte mir auch ein Freund letztens, der sich seit jahren in der Off -Musikszene bewegt, legendäre Festivals und Konzerte auf die Beine gestellt hat, von denen Leute heute noch schwärmen, nun jedoch auch frustriert dem offiziellen Veranstalterleben den Rücken gekehrt hat.

Und ehemals alternative Orte wie der Club der Visionäre oder der Mauerpark versprühen am Wochenende nunmehr den Charme eines Bummels auf dem Ku´damm und gelten längst als no – go area.

Die spannenden Städte in wirklicher Bewegung sind jetzt jetzt schon schon längst anderswo: Istanbul vielleicht, ich weiß es nicht, Berlin hatte seine Zeit. Daran sollte man anknüpfen und daran anschließen. Wenn jedoch nur noch dumpfe Feierei hier ist, Berlin die Touristenpartyhauptstadt für den Easyjetset wird, der die Alternativkultur des Bergheins so “cool und awesome” findet und nur noch die Bars überleben, die Kohle machen, schwindet auch der Ruf Berlins und die wirklich coolen Leute ziehen weiter und übrig bleiben nur noch die, die auch das Anna Blume in der Kollwitzstrasse (“Ein Blumenladen mit einem Cafe, wie nett”) für kreativ halten.

Ohne jetzt in Kulturpessimismus oder Konservatismus zu verfallen oder irgendwelche Sündenböcke als Schuldige der stattfindenden Gentrifizierung zu benennen: Nein, nichts gegen Veränderung und Bewegung, gerade das macht Berlin aus. Aber: schön wäre die Mischung aus Veränderung und Bewusstsein der Geschichte oder gerade im Bewusstsein der Kultur und Subkultur, die Berlin zu dem gemacht hat was es ist und mit Respekt für deren Macher und die Orte. Das wäre der Königsweg für Architekten, Stadtplaner, Musikpromoter, Vermieter, Touristen, Neuberliner etc.etc.etc.

Ansonsten wird der Prenzlauer Berg – und ich befürchte nicht nur dieser Stadtteil – bald wirklich wie eine westdeutsche Kleinstadt aussehen – wenn er das nicht schon längst geworden ist.

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I miss my subburbs. I miss my green wild meadows.
Howl. Howl .
Howl

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