tschüss prenzlberg

Am Wochenende lief ich die Dunckerstrasse entlang Richtung Strassenbahn, es ist Samstag abend, auf der Höhe Danziger Strasse sehe ich kaum Leute, lediglich einige versprengte Tennager und ältere Pärchen. Ich denke mir, ach, was war hier los früher, egal, ob es Winter ist, es regnet, schneit oder stürmt.

In der TAZ vom Wochenende steht, dass dem ICON nun doch endgültig der Mietvertrag gekündigt wurde, das NBI wurde im November schon aus der Kulturbrauerei geworfen, der Klub der Republik hat noch 3 Monate dann ist auch er dicht und muss weichen.

Was ist passiert in den letzten 10 Jahren, seitdem ich hier lebe, dass das Leben hier wie in einer westdeutschen Vorstadt geworden ist, am Wochenemde nur kids auf der Suche nach Flatratebars oder 80er jahre Parties in der Kulturbrauerei, mit dem Charme einer Dorfdisko oder eben Familien, die in gediegenen Restaurants gutbürgerlich essen möchten und am Wochenende zum brunchen die Cafes bevölkern?

Ich denke, die Entwicklung am Helmholtzplatz mit der der Entstehung einer kulturellen und alternativlosen Wüste ist ein Spiegel dieses Clubsterbens. Und zwar nicht nur als Reaktion auf die Veränderung der Bedürfnisse der (zugezogenen) Anwohner sondern auch als Folge der veränderten Infrastruktur.

Ein Vergleich:

Welche Einrichtungen und Läden gab es meiner Erinnerung nach vorher zwischen Danziger / Dunckerstrasse und Helmholzplatz:

(2001 – 2011)

– das Antifa Antiquariat
– ein Puppentheater
– eine Bächerei
– ein Jugendclub
– das “Hans Wurst” Vegan Cafe
– die “Fleischerei” (eine Kneipe)
– eie Trinkerkneipe ohne Namen
– eine “Kondomeria”
– eine Druckerei

Jetzt gibt es: (2011)

– Ein Laden für Raumausstattung
– 2 Massagesalons
– Ein Friseursalon
– Ein Fitnessclub (“Formwandler”)
– eine Naturheilpraxis
– ein indisches Restaurant
– eine Cafe- und Kuchenbar (“suicide sue”)
– die “Dunckerei – fashion & feelgoods”
– 2 Anwaltskanzleien
– ein Architektenbüro
– ein AWO Gesundheitsladen
– eine deutsch-chinesische Kita
– ein deutsches Restaurant (“Martin”)
– ein Italienisches Restaurant
– ein Designladen (“Ambiente & Lebensart”)
– ein Fotodesiggstudio
– ein Möbeldesignladen
– ein Innenarchitektur- und Ausstattungladen (komad)
– ein Stoffdruckladen (“Eicie”)
– ein Hobbyladen (macht demnächst dicht)
– ein Vermittlungsbüro für appartments und wohnungen für touristen
– eine immobilienhausverwaltug
– ein Weinladen
– ein Laden für Kinderklamotten
– eine Praxis für chinesische Medizin
– ein Massagestudio
– ein Pilates Studio
– ein Outdoor Shop (“der Aussteiger”)

Der einzige Ort, der so weit ich weiss schon seit 10 Jahren hier ist:

die Apotheke am Helmholtzplatz
(vielleicht noch der AWO Laden, ich bin mir nicht sicher)

Ich glaube, dass die Entwicklung der Raumerstrasse, bei der zuerst die Gentrifizierung begann, die dann später in der Schliemann weitervoranschritt – aus dem Grand Hotel, einer Gay Bar mit Theatergruppe wurde ein Eltern und Kind Cafe mit Kinderbetreuung “das Spielzimmer”, ein symbolischer Akt – sich eben jetzt bis zur Danziger Strasse über den gesamten Bereich Helmholtzplatz ausgebreitet hat. Es sind im übrigen viel mehr Läden als früher, da die Erdgeschoßwohnungen nun zumeist Gewerbeflächen sind.

Die letzten Häuser sind saniert, die Mieten hoch genug, so dass man sich der potentiellen Mieterstruktur angepasst hat: Angebote für gutverdienende Familien mit Kinder, Versicherungen, Anwälte, Lifestyle-Boutiquen, Einrichtungdesignläden, neuerdings auch Modeläden und viele Naturheilverfahren / Therapiezentren / Fitnessclubs für Wohlstandskrankheiten.

Die Klientel und die Infrastruktur für Singles oder Leute, die noch auf der Suche sind und nicht in Familinstrukturen eingebunden, gibt es hier nicht mehr. Warum und für wen also noch Kultur- oder Musikangebote? (eine Ausnahme bilden vielleicht die schicken neuen cafebars und Laptop Kneipen wie das “Liebling” am Helmholtzplatz, aber es ist eben auch nur Gastronomie) Im Übrigen sind auch die Gewerbemieten kaum mehr bezahlbar. Selbst die Tierhandlung kämpft ums Überleben, da ihre alte Kundschaft wegbricht.

Photo der Tür des Nachbarhauses, kurz bevor auch diese renoviert wird:

Es geht nicht darum, aufzuhalten, was nicht mehr aufzuhalten ist. Das Nachbarhaus ist das letzte in der Strasse, das noch nicht saniert ist. Wenn nächstes Jahr die Mieten in meiner Wohnung mit altem Mietvertrag steigen, werde auch ich die Gegend verlassen und “tschüss Prenzlberg” sagen. Man könnte fragen, warum es so schnell ging, warum es keinen Widerstand von Seiten der Mieter, des Kiezes oder der Stadtentwicklung gab etc.

Ich persönlich finde es einfach traurig, was aus einer Gegend geworden ist, die ich wirklich gemocht habe und die jetzt so spannend und charmant geworden ist wie sagen wir mal St.Germain des Pres
in Paris.

Es bleiben Erinnerungen. Bilder von Konzerten auf den Hinterhöfen, Filmen auf Wänden projiziert, Frühstücke auf der Strasse oder Sommerabenden auf den Dächern des Helmi.

Das Chaos ist aufgebraucht, es war die schönste Zeit (F. Nietzsche)

Annex: 6.12

Hier einige Fotos aus dem Hinterhof ca. zw. 2001 – 2005, im Zwischendurchgang war ein Grafitti “Zur Ostsee” mit Pfeil zum Hinterhof.

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One Response to tschüss prenzlberg

  1. Ulrich says:

    Gefaellt mir gut die Seite. Tolle Themenwahl.

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