Musique fragile…

Dieser Text war ursprünglich geplant für ein Buch über die Philosophie des Constellation Labels, welches in einem kleinen Verlag zum Constellation Fest in Leipzig herausgeben wird. Leider wird er nun dort aus redaktionellen Gründen nicht veröffentlicht, weshalb ich mich entschlossen habe, zumindest die nicht lineare cut – up Version des Textes ohne die geplanten Grafiken hier auf dem blog zu veröffetlichen.

Musique Fragile – oder über die tiefe Sehnsucht, einen Constellation Track bis zum Ende spielen zu wollen. Eine Annäherung an eine Musikphilosophie in 12 Tracks und einem Fadeout

– cut up version –

von
Joe le Taxi

***

Carla Bozulich´s Projekt „Evangelista“ spielte 2008 beim kleinen und leider letzten Goldmund Festival in Biesenthal am See als vorletzter Gig. Ich legte zwischen den Konzerten von einem windschiefen vier Meter hohen selbstgebauten, wackligen Turm auf. Es ist schon gegen 2 Uhr morgens, als Carla spielt, es ist bitterkalt, sie ist in tiefem schwarz gekleidet und kaum zu erkennen aus der Ferne.

//

//

Track 3: Sandro Perri – Requiem for an imaginary Fox

Vor einigen Jahren spielte Sandro Perri zum ersten und bislang einzigen Mal in Berlin, im Bastard, einen Klub in der Kastanienallee, den es längst schon nicht mehr gibt und der als einem der ersten Bars Gentrification zum Opfer fiel. Ich traf einen Freund, der mir erzählte, dass er am Tag zuvor ein unglaublich schönes Konzert gesehen hatte – und er hatte als Promoter und DJ schon viel gesehen. Er gab mir eine Kopie der Tour CD-R und so hörte ich zum ersten Mal „Requiem for a fox“ von Sandro Perri und war begeistert.

//

lonely
how can such happiness end ?
around here,
how can such happiness end ?

Elisabeth Anka Vajagic – Around Here
(Stand with the Stillness of this Day)


//

Es entwickelte sich fast zu einem Trauma, das aber, je mehr Zeit verging, sich veränderte: .Jedes mal wenn ich Sandro Perri spielte oder hörte, dachte ich daran, wie das Konzert wohl war und immer wurde es besser in meiner Imagination und irgendwann hatte ich fast das Gefühl, doch damals dabei gewesen zu sein und glaubte mich sogar an Details und Bilder erinnern zu können.

//

Etwas später war ich bei einer Sommerparty in Kreuzberg hinter den Decks, bei dem von 20 jährigen Kids, die mehrfach versuchten, ihren MP3-Player ins Mischpult einzustöpseln wollten und wiederholt nach Rihanna fragten, 50-jährigen Kreuzberger Natives, die nichts mehr schocken konnte und türkischen Teens ein so katastrophal heterogenes Publikum zugegen war, dass ich mich fragte, ob ich hier ohne ein blaues Auge wieder rauskomme. Dennoch war ich von der letzten Erfahrung ermutigt vielleicht auch desperat und übermütig dass als ich dann in einem guten Moment nach einem Fela Kuti Klassiker das Black Ox Orchestra spielte. Ich sah Punks tanzen und selbst die Kids schienen so ergriffen vom jiddischen Gesang und der orientalischen Melodie des Songs Az Vey Dem Tatn von Nisht Azoy, dass sie dabei völlig vergaßen, mich zu fragen, ob ich auch Techno hätte.


//

chain, chain
every gesture, every phrase, chain
every shadow, every face
chain, chain

Vic Chesnut – Chain

(At the Cut)


//

Die einzige international berühmte Constellation Band Godspeed, you! Black Emperor, das „Mutterschiff“ für andere Constellation Seitenprojekte, sah ich bisher das einzige Mal live in der Volksbühne, es war circa 2005 / 2006. Ich erinnere mich heute vor allem daran, dass ich nie genau wusste, was die bis zu 16 Leute auf der Bühne gerade machten, versunken in ihre Instrumente oder die auf dem Boden liegenden Effektgeräte bearbeitend. Ich war beeindruckt, dass es keinen Bandleader, keinen Chef zu geben schien. Es war wie ein kollektives Chaos ohne Herrschaft. Keiner wollte sich in den Vordergrund spielen aber dennoch war das Konzert in seiner Gesamtheit überwältigend.


//

End : News from nowhere or: Montreal – Un lieu fragile

2007 habe ich es versucht, in Montreal Spuren von Constellation Records zu finden. Ich fand: einen wunderschönen Club, der „La Salla Rossa“ im italienischen Viertel, wo viele Constellation Bands schon gespielt hatten. Ich fand aufwendig gestaltete Siebdruck Poster einfach so an den Laternenmasten der Straßen gepinnt, von Bands wie Colleen oder Beirut, damals noch fast unbekannt, aber keines von Constellation Bands. Ich suchte in einem Record Store nach, ob es außer der p.o box Adresse hier in Montreal einen speziellen Plattenladen gäbe Er verneinte, er wüsste er auch nichts Genaues. Sie selbst hätten auch nur eine EP dieses Labels hier im Laden. Ich kaufte sie und verstand: Es war ein Irrtum die Musik von Constellaton in Kanada verorten zu wollen schon gar nicht in Montreal in einem einfachen Plattenladen.

//

Im komplexen Constellation Universum haben mich die herrlichen instrumentalen cut up / musique concrete Orgien im Wechsel mit zerbrechlichen Violin-Kaskaden schon immer fasziniert. Tracks von Kanada 70 aus der zweiten Musique Fragile Box oder die frühen Constellation LP´s von Feu Thérèse, Hangedup oder A Silver Mt. Zion mit ihren endlosen auf und abschwellenden Melodiebögen.

//

Tracks 4 bis 7: vertanzr? or against the audience – Land of Kush vs. Black Ox Orchestra vs Colin Stetson

Dann der schwierigste Versuch in der französischen Bar Madame Claude. Ich hatte schon zuvor einmal zuvor Land of Kush´s „Against the day“ in der langen Version gespielt und es hatte ganz gut funktioniert, so dass ich jetzt mutig genug war und den häufig wechselnden Touristengrüppchen den 17 Minuten Song „Scars“ der LP „Monogamy“ zutraute, eine herrliche altorientalische Melodie, allerdings nach einigen Minuten immer wieder mit einer Computer Stimme unterlegt, die zudem monoton im Hintergrund eine Art dirty sex talk vorträgt und die Melodie konterkariert: Ich erntete zunächst etwas verstörte ungläubige Blicke, aber erstaunlicherweise schienen sich die Leute sich nicht beeindrucken zu lassen. Am Ende versuchte sogar ein Paar, zum Song einen Standardtanz – irgendetwas zwischen Walzer und Tango.


//

Ich erinnere mich wie furchtbar schäbig und materialistisch ich mich gefühlt habe, Heute glaub ich zu wissen, worum es eigentlich ging: Ich wollte, dass sie versteht, welche Bedeutung diese Musik gerade in der Form der Ästhetik der Verpackung und des Konzepts der Grafik in einer Einheit und in der Kombination mit der Musik für mich hatte und die Enttäuschung in dieser Wut mitschwang, dass sie das vielleicht nie verstehen würde.

//

Seitdem habe ich niemals eine Constellation CD ohne Plastikhülle in meiner DJ -Tasche.

//

Musique Fragile ist aber für mich weit mehr als ein käufliches, wundervolles Produkt, es ist Ausdruck einer einzigartigen Musikphilosophie. Der folgende Text ist meine in der Form eines Mixtapes meiner Lieblingstracks verstandene subjektive Annäherung an dieses Konzept.

//

Sie spielt schon über 45 Minuten und ich beginne mich schon auf das nächste Set nach dem Konzert vorzubereiten als Carla den Song: „Hello Voyager“ vom gleichnamigen Album singt. Am Ende des Songs verstummen plötzlich die Instrumente und nur noch ihre Stimme ist zu hören: Sie schreit in den Nachthimmel, sie wimmert, sie predigt, sie betet, mit einer Stimme, die der Welt entrückt zu sein scheint:

//

one one one is the hope
two two two is the key
three is the swallows tale

Hrsta – Swallows Tail
(stem stem in electro)


//

Es ist seltsam, ich erinnere mich nicht mehr an viele Details über die Auseinandersetzungen in der Beziehung zu dieser Freundin zu jener Zeit, obwohl sie ein wichtiger Teil meines Lebens war – aber ich erinnere mich genau an den Diskurs über die „Do Make Say Think CD“.

//

Track 8: The beauty of instrumental fractals – Fly Pan Am: Dans ses cheveux soixante circuit

Ein Track der ersten selbst benannten Fly Pan Am CD mit dem Titel Dans ses cheveux soixante circuits war eine solcher Track, den ich einmal versuchen wollte, in ein DJ-Set mit einfließen zu lassen: Bis zu Minute 5 hört man wundervolle Gitarren Harmonien, dann aber von Minute 6 bis circa Minute 13 ändert sich der Track und es erklingt nur noch den Rhythmus der Gitarre in einem monotonem Stakkato bis am Ende nur noch ein pling — pling — pling — pling bleibt, endlose 5 Minuten lang, ohne Alternation. Großartig und konsequent, aber im Club zieht man so die Aufmerksamkeit auf sich. Dennoch wollte ich den Track im Schokoladen zu Ende spielen, ohne ihn auszublenden. Ich hatte damals dort regelmäßig aufgelegt, insofern war die Toleranzschwelle der Barkeeper und der Gäste recht hoch, aber die irritierten Blicke und die Kommentare wie „die Platte springt“ waren dennoch schwer auszuhalten. Aber ich habe es durchgehalten bis am Ende das Thema des Beginns wieder aufgenommen wird und der Song in einem rauschenden wundervollen Chaos endet Ich war zufrieden: Das Gefühl, etwas am Gesamtwerk zerstört zu haben, hätte ich nur Fragmente des Songs gespielt.


//

Coda

Den bislang letzten Versuch wagte ich beim Abschiedsfest des Klubs der Republik. Vor mir legte ein Techno DJ mit Laptop auf. Es gab Probleme mit der Software, weshalb er mich fragte, ob ich auch schon 20 Minuten früher anfangen könnte. Also begann ich mein Exotica Set mit Colin Stetsons 7” The Rightous Wrath of a honorable man als Intro. Obwohl der Übergang von einem Techno Set zu einer 2 – minütiger Saxophon Improvisation ohne BPM kaum größer sein konnte, bekam ich so viele Nachfragen, wer denn das sei, wie selten zuvor als DJ- von teilweise mit Strass beklebten Discomädchen und ich freute mich, mit dieser Musik ein ganz neues Klientel an dem Abend erreicht zu haben.

//

Ich hatte neben der CD eine Cafetasse am Rand des Bettes gestellt und hatte schon die leise Ahnung, dass es keine gute Idee war, die CD Hülle genau neben der Tasse zu platzieren: Natürlich fiel die Tasse um, die Hülle und die Grafiken waren voller Cafereste und ich war so wütend über mich und meine Dummheit, dass ich mich anschließend heftig mit der Freundin stritt: Sie verstand nicht, warum ich mich so über Cafeflecken aufregen könne und warum mir ein Cover so wichtig sein könne.

//

Musique fragile: Eine Dekonstruktion von Erwartungen und Hörgewohnheiten, eine Zerstörung vorheriger Harmonien, ein Mäandern zwischen Wiederholungen und Innovation, zwischen laut und leise.

//

I know how precious our lifes can be
dedicate this moment to you and and me
lets dance a calinda
celebrate life (it´s short)
reach for the sky
keep up the fight

how much would you cost?

Matana Roberts – lully/bye
(Coin Coin)


//

Constellation muss eine p.o. box im Nirgendwo sein. Ein Nicht-Ort. Un lieu fragile – würde man ihn finden, wäre es um ihn geschehen.

//

Fade out: Godspeed You! Black Emperor live – Slow Riot for a New Zero Canada

Am Ende erscheint ein Bild von 16 Musikern, gezeichnet wie nach einem Gerichtsprozess als Täter eines kollektiven Verbrechens vor meinen Augen.

//

Tracks 9 bis 12: Nostalgia / Pain: the voices, the voices…

In their words and a lully/bye: by Elisabeth Anka Vajagic / Matana Roberts / Hrsta & Vic Chesnut

//

Im Hans Wurst, einem wundervollen veganen Cafe direkt gegenüber meiner Wohnung, das leider 2010 schließen musste, spielten viele kleine D.I.Y. Musiker wie Eric Chenaux oder Karl Blau. Ich legte damals regelmäßig vor und nach den Konzerten auf, es war fantastisch, meine Lieblingsmusiker gegenüber in einem wundervollen intimen Cafe sehen zu können.

Hier traute ich mich nach Ende des Konzerts von Eric Chenaux zur ersten Mal, einen tanzbaren Constellation Track zu spielen, Glissandro 70´s Portugal Rua Rua. Die Reaktionen von überraschtem Fußzucken bis zu Ansätzen von Körperbewegungen, die man auch im Sitzen verrichten konnte, waren zwar einem Cafe angemessen, dennoch positiv.


//

Ich kaufte mir sofort die Constellation CD Sandro Perri “Sings Polmo Polpo“ und hatte jahrelang das Gefühl, das Konzert meines Lebens verpasst zu haben.

//

Am Ende schien ich das Trauma besiegt oder besser überlistet zu haben, das Konzert konnte eigentlich nicht schöner gewesen sein als in meiner Vorstellung. Es bleibt das beste verpasste Konzert meines Lebens.

//

Infos zu den Musique Fragile Boxen und ein eigenes Mixtape dazu gibt es hier:

http://cstrecords.com/cstmf01/

Les Momies De Palerme – Brûlez ce coeur
Khôra – Silent Your Body Is Endless
Nick Kuepfer – Avestruz

http://cstrecords.com/cstmf02/
Kanada 70 / Pacha / Hangedup & Tony Conrad

//

Musique Fragile ist der Name für aufwendig mit Siebdruckgrafiken und Postern liebevoll und hochwertig gestalteten Box des Montrealer „Constellation“ Labels in bislang 2 Ausgaben mit jeweils 3 CD´s oder 3 LP´s von international zumeist unbekannten, regionalen experimentellen Musikern.

//

Sie spielte eine endlos wirkende 15 Minuten Version des Tracks, sie könnte auch 30 Minuten oder die gesamte Nacht dauern, danach ist Stille. Unendlich lang. Die Forderung nach einer Zugabe wäre eine Anmaßung. Sie hat sich entäußert.

Erst nach 2 Minuten traute ich mich, den langsam beginnenden „Wayward song“ der Earlies zu spielen.

//

Track 2: Evangelista – Can you say it with me: The Word is Love

“when there is no hope
can yo say it with me:
the word is love
love
love
let me be free”

//

Ein Freund kam genau in diesem Moment auf den DJ Turm hoch und fragte mich, ob ich noch was trinken will. Er gehe zur Bar. Ich schau ihn ungläubig an und denke, wie kannst du jetzt an so etwas Banales denken, siehst du nicht was da unter geschieht? Aber ich verstehe auch in exakt diesem Moment, dass die Intensität und Zerbrechlichkeit der Musik nicht alle ergreift und so in Trance mitreißt wie mich in diesem Augenblick – sie polarisiert. Sie teilt das Publikum in ergriffene und kalt gelassene, wie vielleicht selten zuvor eine Sängerin.

//

Musique Fragile – Poster – constellation

Sie spielt schon über 45 Minuten und ich beginne mich schon auf das nächste Set nach dem Konzert vorzubereiten als Carla den Song: „Hello Voyager“ vom gleichnamigen Album singt. Am Ende des Songs verstummen plötzlich die Instrumente und nur noch ihre Stimme ist zu hören: Sie schreit in den Nachthimmel, sie wimmert, sie predigt, sie betet, mit einer Stimme, die der Welt entrückt zu sein scheint:

//

Track 1: Do Make Say Think – The Landlord is Dead

Es war circa im Jahr 2004 als ich mit einer Freundin im Bett lag. Zuvor hatte ich Goodbye enymy airship, the landlord is dead“ von Do Make Say Think gehört, eine der frühen Constellation CD´s, die ein Cover aus blauem Leinen in der Form eines Fensters hatten, mit verschiedenen austauschbaren Siebdruck – Grafiken und Fotos, die das Bild des Frontcovers verändertes, je nachdem welches Foto man in das Fenster schob Es war meine erste Constellation CD, ich liebte sie.

//

musique fragile mix 1 and 2 :


 

 

Advertisements
This entry was posted in berlin to go, misc., playlists / mixes / compilations, reviews, Uncategorized. Bookmark the permalink.

One Response to Musique fragile…

  1. Pingback: Constellation Records « Bis Aufs Messer Blog

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s