“Huis Clos” (Geschlossene Gesellschaft, J.P.Sartre) – Dysfunktionale Familienkonstellationen als Thema in aktuellen Kinofilmen

 

 

(German)

Kurz bevor die Berlinale morgen beginnt, eine kurze Reflexion über die letzten Kinofilme, die ich gesehen habe.

Roma, Shoplifters, Rafiki and Capernaum

Auffällig, dass diese alle geprägt sind – direkt oder indirekt – von dysfunktionalen Familienverhältnissen. Es sind meiner Ansicht nach alle wundervolle komplexe Filme, die in völlig verschiedenen Zeiten und Gegenden der Welt spielen, (Mexiko in den 70ern, Japan, Libanon und Kenia in der heutigen Zeit) und völlig unterschiedliche Themen beinhalten, jedoch deren Protagonisten alle unter einer nicht funktionierendem oder nicht gesellschaftlich akzeptierten Familienkonstellation leiden.

Es sind immer die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse ausschlaggebend, auf die die Akteure reagieren müssen. In Roma hält das Kindermädchen Cleo die gesamte mexikanische Mittelstandsfamilie zusammen, selbst als der Mann die Familie verlässt, bleibt sie der Ruhepunkt der Geschichte – obwohl sie zukünftig selbst alleinerziehend ihr Kind ernähren werden muss, da der Vater ihres Kindes die Militärputschisten unterstützt.

In Rafiki leiden die jungen verliebten Frauen Kena und Ziki an der kenianischen homophonen Gesellschaft und deren christianisierten “Religionswächtern”, die eine gemeinsame Zukunft für beide in Kenia unmöglich erscheinen lässt. Shoplifters und Capernaum erzählen die Möglichkeit ungewöhnlicher familiärer Konstellationen, die zwangsweise aus den Verhältnissen erwachsen – und am Ende an diesen zerbrechen.

Wie der 12-jährige Junge Zain in den Slums von Beirut zunächst mit der illegalen Einwanderin Rahil zusammenlebt und dann alleine für ihr Kleinkind Yonas sorgt ist jedoch ebenso ergreifend anzusehen, wie in der durchstrukturierten hochmodernen japanischen Gesellschaft eine Patchworkfamilie versucht zu überleben am Rande der Gesellschaft.

Zains Anklage in Capernaum , gegen seine Eltern, ihn auf die Welt gebracht zu haben ohne Verantwortung für ihn und seine Schwester Selin (die zuvor zwangsverheiratet wurde und infolgedessen starb) übernehmen zu können ist die Anklage aller Filme, die tradierten oder nicht beweglichen Familienverhältnisse einer geschlossenen Gesellschaft (Huis Clos, J.P.Sartre )zu überdenken und sie neu zu denken.

Lesenswerte auch das ausführliche interview mir der Regisseurin Nadine Labaki auf indiekino.de übern die schwierige Entstehung des Films Capernaum, die Arbeit mit den grossartigen Laiendarstellern und die Einkehr der Realität, als die Polizei die Hauptdarstellerin von Rahil tatsächlich verhaftete wegen irrregulären Aufenthalts. (ab S.10).

Alle Filme sind noch in Berliner Kinos zu sehen, Roma zudem auf Netflix.(Letzterer ist nicht nur wegen der unglaublichen Bildsprache sondern auch wegen seiner atmosphärischen Tonspur im übrigen sehens- & hörenswert)

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